Jedes Jahr gebe ich meinen Konfirmanden die Aufgabe, möglichst kritische Fragen über Gott, Religion, Glaube oder Kirche zu stellen. Einzige Bedingung ist, dass sie die Fragen wirklich interessieren. Eine Frage kommt dabei, in der einen oder anderen Form, mindestes jedes Jahr einmal vor: Warum lässt Gott Böses, Leid und Unheilvolles zu? Dieses Jahr hat sogar fast
die Hälfte der Klasse diese oder eine ähnliche Frage gestellt.
Ja, warum lässt Gott das zu? Warum greift er nicht ein, wenn er doch allmächtig ist und die Möglichkeit hätte, alles Böse in einem einzigen Augenblick verschwinden zu lassen? Gibt es Gott überhaupt? Fragen wie diese hat jeder Mensch wohl mehrmals im Leben. Es gibt viele Versuche, bessere und weniger gute, um diese Frage zu beantworten. Ich möchte hier nur auf einen – aus meiner Sicht aber zentralen – Aspekt der Frage eingehen: Wenn jemand behauptet, dass es doch keinen Gott geben könne, wenn man all das Böse, Schlimme und Unheilvolle in der Welt betrachtet, dann begeht er eigentlich einen Zirkelschluss.
Ein Zirkelschluss meint eine Beweisführung, in der das zu Beweisende bereits als Voraussetzung enthalten ist.
Wieso das? Wenn ich sage, dass es keinen Gott gibt, weil die Welt böse ist, setze ich bereits voraus, wie Gott sein muss bzw. wie er handeln müsste, wenn es ihn denn gäbe. Mit anderen Worten ich entscheide über Gottes Wesen, Sein und Tun. Vielmehr müsste man sagen, dass man nicht versteht, warum Gott das zulässt, er nicht eingreift oder er dieses oder jenes tut
oder nicht.
Aber über die Existenz Gottes sagt das Böse oder Schlechte überhaupt nichts aus. Im Gegenteil! Allein die Tatsache, dass ich etwas gut oder böse benennen kann, setzt Gottes Existenz voraus. Sie haben richtig gelesen: Wenn es nämlich keinen Gott gäbe, dann gäbe es auch kein Gut und Böse, kein richtig oder falsch und letztlich wäre alle Moral und Ethik bloss die persönliche Meinung eines Individuums. Provokant formuliert heisst das: Mose hat zwar gesagt «Du
sollst nicht töten, stehlen und lügen», und ich respektiere das als seine Meinung, aber ich hab eine andere. Die Tatsache, dass wir die Welt in gut und böse einteilen und einen moralischen Kompass haben, ist ein Indiz für Gottes Existenz und nicht gegen sie.
Das bedeutet nun aber nicht, dass die Frage, warum Gott Böses zulässt, obsolet wäre oder wir sie nicht stellen dürften. Auch ist sie damit nicht beantwortet. Es verschiebt sich jedoch unser Blickwinkel. Denn viel entscheidender ist nämlich, an wen ich die Frage stelle. Psalm 62,9 sagt: «Schüttet euer Herz vor ihm aus! Gott ist unsere Zuflucht.» Und Psalm 55,23 sagt: «Wirf dein Anliegen auf den HERRN!», was auch im Neuen Testament in 1. Petrus 5,7 fast wörtlich wiederholt wird. Fragen und Zweifel zu haben ist völlig menschlich und nicht falsch. Diese aber gegen Gott einzusetzen führt in die Sackgasse. Wenn wir diese Fragen und Zweifel hingegen Gott (und auch Mitchristen) gegenüber äussern, führt es in einen Dialog und in eine Beziehung.
Übrigens gibt es neu nach einigen Gottesdiensten die Möglichkeit, über Predigt und Lesung mit anderen zu diskutieren. Man taucht gemeinsam in die Bibel ein, darum auch der Name «Tauchstond». Die Daten dieses neuen, von Jugendlichen gegründeten Gefässes, finden Sie
» hier.
Pfarrer Beat Müller